Volume 6

AUS DEM PROF. BOP-ARCHIV

Madison Party – AL BROWN & His Tunetoppers

Der große Al Brown ist der allererste Künstler, den wir in unserer Ugly Men’s Lounge begrüßen durften. Er beehrt uns ein drittes Mal und diesmal spielt er mit „Madison Party“ seinen Dance-Craze-Trick voll aus.

Die ganze Welt erfreute sich an seinem 1960er Hit „The Madison“ und alles, was diese besondere Form von Tanzmusik auszeichnete, findet sich hier im Überfluss: ein mitreißender, aber dennoch entspannter Rhythmus, exquisite Hot-Solistik und originelles Songwriting. Als besonderes Leckerchen war bei „Madison Party“ auch noch das von den Songwritern Ollie Jones und Winfields Scott geleitete und durch tausend Aufnahmesessions gestählte Vokalquartett The Cues mit an Bord.

Das relevante Madison-Oevre, somit auch „Madison Party“ von Al Brown findet sich auf seinem einzigen Album „The Madison Dance Party“.

Mehr von Al Brown finden Sie auf Vol. 1 und Vol. 2. Dieser Reihe.

(I Was A Happy) Driftwood – BOBBY SCOTT & Sid Feller Chorus & Orchestra

Bobby Scott war der ultimative Wunderknabe in Sachen Jazz, R&B, Pop und allem dazwischen. 1937 in der Bronx geboren, arbeitete er bereits mit fünfzehn Jahren als Berufsmusiker und spielte Klavier in der Big Band von Louis Prima. Er war gerade siebzehn, als sein erstes Album als Jazzpianist mit eigenem Trio herauskam.

Mit neunzehn sang er den Millionseller „Chain Gang“ und mit dreiundzwanzig komponierte er einen der größten Songs aller Zeiten, „A Taste Of Honey“, für das später verfilmte gleichnamige Theaterstück von Shelagh Delaney.  Die Nummer wurde gleich zu einem Standard, den von Martin Denny über Herb Alpert, Eddie Cano, Lenny Welch und Esther Ofarim bis zu den Beatles praktisch jeder gespielt oder gesungen hat. Dafür gab es einen Grammy. Bobby Scott verstarb 1990.

Seine Aufnahme „(I Was A Happy) Driftwood“, ein Glanzlicht seiner sehr umfänglichen Discographie, war eine Coverversion. Das Lied entstand 1957 ursprünglich als Versuch von Eddie Cooley, einem der beiden Autoren der Erfolgsnummer „Fever“, den gleichen Song nochmal zu schreiben. Eddies Originalfassung kam auf dem bestens beleumundeten Jazzlabel Royal Roost heraus und Bobby Scotts Version, bei fast identischem Arrangement tatsächlich noch ein Stück bluesiger als das Original, erschien nur Wochen später.

Oriental Cha Cha – ROGER „KING“ MOZIAN & His Orchestra

Auch Roger Mozian war ein waschechter New Yorker. Er kam 1927 zur Welt und wuchs in der armenischen Gemeinde des Big Apple auf. Seine ersten Erfahrungen als Trompeter machte er in „Amerabia“-Bands mit nahöstlich inspirierter Musik. Als es ihm 1950 gelang, eine seiner Kompositionen an den Mambo-König Machito zu verkaufen, wurde er quasi zu dessen musikalischem Adoptivsohn.

Mozians Komposition „Oriental Cha Cha“ von seinem 1961er Album „Spectacular Percussion Goes Latin“ schlägt die Brücke zwischen beiden von diesem Ausnahmekünstler bespielten Welten.

Roger „King“ Mozian starb schon 1963.

Too Darn Hot – PAT ROCCO & Harry Geller Orchestra

Einen anderen Trompeter und seine Band hören wir jetzt:

Harry Geller (1913 – 2008) hieß eigentlich Harold Max Sitkovetsky und stammte aus Kanada.

Den Auftrag, Pat Rocco bei seiner Version des Cole-Porter-Standards „Too Darn Hot“ aus dem Musical „Kiss Me Kate“ zu begleiten, erledigte er mit links. Schließlich war er mit allen Wassern gewaschen: Benny Goodman und Artie Shaw gehörten zu seinen früheren Arbeitgebern. Die Platte in Harrys Fingerschnipp-Hipster-Groove erschien 1959 auf dem Label Tide Records in Los Angeles.

Und Pat Rocco selbst? Der hieß eigentlich Pasquale Vincent Serrapica, wurde 1934 geboren und war vor seiner Zeit als Sänger schon als Komiker aktiv. Später betätigte er sich als Erotikphotograph, Sexfilmregisseur und Aktivist in der Schwulenbewegung. Das alles hielt ihn aber nicht davon ab, unter seinem richtigen Namen auch religiöse Songs zu veröffentlichen. Ein buntes Leben fürwahr! Pat Rocco starb 2019.

Altitude – ROY LANHAM

Alles Wissenswerte über Roy Lanham finden Sie in unseren Anmerkungen zu Vol. 5 dieser Serie.

Waren es bei „Boys Out Of School“ noch zwei Tenorsaxophonisten, die Roys druckvolle Rock & Roll-Gitarre antrieben, so handelt es sich bei dem ebenfalls 1958 veröffentlichten „Altitude“ um ein faszinierendes Zusammenspiel von Gitarre und gestopfter Trompete. Vortrefflich!

Batik – LANI KAI

Wann hört man schonmal ein Lied auf Tagalog, der Amtssprache der Philippinen?

Hier! „Batik“ erschien 1959 auf Keen Records.

Der hawaiianisch-polynesische Schauspieler und Sänger Lani Kai (1933 – 1999) trug eigentlich den stolzen (aber irgendwie unkommerziellen) Namen George Clarence Dennis James Von Ruckelmann Woodd III.

Für einen Mann, der polynesisch, japanisch und Tagalog verstand, ein kompetenter Bassist und Ukulelespieler war und sogar eine Zeitlang als Conga-Drummer im Orchester von Lionel Hampton gearbeitet hatte, schien „Lani Kai“ einfach passender, Seine Mutter Lukia Luana, eine waschechte hawaiianische Prinzessin, stand einer ganzen Familie von Sängern und Schauspielern vor.

Viele Fernsehserien machten sein Gesicht landesweit bekannt und es gab sogar eine kleine Rolle in dem Elvis-Film „Blue Hawaii“.

Seine Discographie blieb schmal: Ein paar Singles und drei Alben zwischen 1959 und 1979 markieren eine distinguierte Karriere in der zweiten Reihe des Showbusiness.

 

Caravan – BOBBY CHRISTIAN, The Man With A Sound

Endlich mal eine „Caravan“-Version in der Ugly Men’s Lounge!

Diese hier erschien 1959 auf dem Stepheny-Label in Evanston, Illinois, das zwischen 1956 und 1962 u.a. Alben bekannter Jazzer wie Miff Mole, Bob Davis oder Johnny Pate veröffentlichte, aber doch insgesamt glücklos blieb.

Bobby Christian (1911 – 1991) war sowohl ein gefragter Studio-Drummer als auch ein versierter Klassik-Schlagwerker. Schallplatten unter seinem Namen erschienen von 1956 bis in die 70er Jahre hinein. Umso erstaunlicher, dass seine „Caravan“-Fassung eher etwas störrisch und ungeschliffen daherkommt. Aber vielleicht sah Mr. Christian ja seinen „Sound“ gerade so…

Keep On Walkin‘ – BIG DADDY

Um Verwechslungen mit all‘ den vielen anderen Big Daddies der amerikanischen Musikgeschichte zu vermeiden:

Unser Big Daddy hieß in Wirklichkeit Frankie Brunson, war schon ab 1956 unter seinem Namen auf Singles vertreten, mitunter auch als „Little“ Frankie Brunson, aber ab 1959 ließ er sich von seiner Plattenfirma auch als „Big Daddy“ vermarkten. Dann erschienen wiederum Platten unter „Little Frankie Brunson (Big Daddy)“.

Wer soll sich da noch zurechtfinden?

Frank Brunson lebte von 1929 bis 2007 und galt während seiner ganzen Karriere als musikalischer Doppelgänger von Jackie Wilson. Nirgends wird das deutlicher als auf seinem 1960er Album „Big Daddy’s Blues“ für Gee Records und solchen Songs wie „Keep on Walkin‘“.

Hey! Mister Hoolahan – WIGGLES & WAGGLES

Sid Tepper und Roy C. Bennett begannen ihre Zusammenarbeit als Songschreiber schon Mitte der 40er Jahre. „Red Roses For A Blue Lady“ wurde 1948 ihre erste von vielen großen Erfolgsnummern, darunter 42 Songs für die Elvis-Filme der 60er Jahre. Für Cliff Richard schrieben sie über 20 Songs – insgesamt werden es hunderte gewesen sein.

Kein Star beidseits es Atlantik, der nicht irgendwann mal eine Nummer von Tepper & Bennett im Repertoire hatte.

Sid Tepper und Roy C. Bennet wurden beide 1918 geboren und verstarben kurz hintereinander 2015.

Ihre seriöseste Hervorbringung war zweifelsohne „Hey! Mister Hoolahan“ von 1958.

Ernster konnte man den Rock & Roll nicht nehmen.

Es bleibt die Frage: Welcher von den beiden war Wiggles und wer war Waggles?

The House Of Blue Lights – PAT MORRISSEY & Sy Oliver Orchestra

Endlich gibt es sein Wiederhören mit Par Morrissey, deren Lebensgeschichte in den Anmerkungen zu Vol. 1 erzählt wird.

Ihre Version des 1946er Hits von Ella Mae Morse mit dem Pianisten Freddie Slack war nur eine von vielen, die Boogie- und Rock & Roll-Fans gleichermaßen am Herzen liegen. Chuck Miller, The Andrews Sisters, Merrill Moore, Chuck Berry, Jery Lee Lewis – jeder hat es irgendwann mal aufgenommen.

1955 aber war es unsere Pat, die, begleitet von der Jazz-Legende Sy Oliver mit einem von ihm wahrscheinlich während einer Zigarettenpause geschriebenen Mini-Arrangement, ihre fraglos erstklassige Interpretation zu Vinyl brachte.

La Shabla (The Shovel) – HENRI RENÉ & His Orchestra & Chorus

Dieser herrliche Quatsch war 1959 fast ein Welthit. „Fast“, weil es viele Versionen davon gab: Vokal und instrumental, seriös und albern, und dennoch niemand einen wirklichen Hit damit hatte. Das Stück blieb aber über Jahre ein Rundfunk-Favorit, eine jener Nummern, die jeder kennt und von der niemand weiß, was es ist.

Das Original dürfte von einem in Kanada lebenden italienischen Sänger namens Danny Roma stammen. The Gaylords brachten eine populäre Fassung davon auf den Markt – und dann kam Henri René.

Henri René? Geboren 1906 in New York als Harold Manfred Kirchstein, kam er zum Musikstudium nach Berlin, wo er in den 20er und 30er Jahren als führender Banjospieler und Gitarrist mit den besten Bands arbeitete, u.a. mit dem legendären Swing-Ensemble Die Goldene Sieben. Er schrieb erfolgreiche Arrangements für Schallplatten- und Filmproduktionen, ehe er 1936 in die USA zurückging.

Erst jetzt nahm er den Namen Henri René an und wurde für Jahrzehnte zu einem der erfolgreichsten US-Arrangeure und Orchesterchefs mit vielen Platten unter eigenem Namen und zahllosen Produktionen als Leiter von Begleitorchestern, z.B. für Eartha Kitt, April Stevens, Perry Como, Dinah Shore, Connie Francis, Ella Fitzgerald etc. etc. etc.

Er verstarb 1993.

1959 war ihm nach „La Shabla“ und wir haben den Genuss!

 

Irish Mambo – THE HONEYDREAMERS

Egal ob sie sich „Honeydreamers“ oder „Honey Dreamers“ schrieben – dieses Vokalquintett galt seit seiner Gründung am St. Olaf College in Northfield, Minnesota, im Jahre 1946 als erstklassiges Jazz-Gesangsensemble. Schon bald gab es ein prestigeträchtiges Kurz-Engagement bei Stan Kenton, bevor die Gruppe nach Chicago zog, damals die Rundfunk-Hauptstadt der USA.

Die Honeydreamers wurden, jung wie sie waren, zu Stars im damals noch üblichen Live-Rundfunk. Dann: New York! Das Fernsehen lockte und die Honeydreamers konnten nicht widerstehen – sie sangen als erste Gruppe im US-Farbfernsehen!

Schallplatten gab es natürlich auch.  Ab 1947 hüpften sie von Label zu Label, ihr letztes Album erschien 1964. Die Single „Irish Mambo“ kam 1955 Bei Double AA Records heraus, einem winzigen Label, dessen Betreiber Connie De Mario sein Glück kaum fassen konnte, eine Gruppe dieser Magnitude für sein Label gewinnen zu können.

Die damalige Besetzung der Honeydreamers bestand aus Nan Green, Marion Bye, Bob Mitchell, Jerry Packer und dem Leiter der Gruppe, Bob Davis. Nun – Connie De Marios Glück währte nur eine Single lang. Bald wechselten die Honeydreamers für ihre erstes Album zum Jazzlabel Fantasy, einer von über dreißig Marken, für die ihre Platten im Laufe von nichtmal 20 Jahren produziert wurden.

Nirgendwo sonst aber erschien irgendeine weitere Aufnahme der Fünf mit einem Dudelsack. Das blieb exklusiv dem „Irish Mambo“ auf Double AA vorbehalten.

 

 

Honey Bucket Blues – HERBIE FIELDS & His Sextette

Der 1919 als Herbert Bernfeld in Asbury Park, New Jersey, geborene Saxophonist und Klarinettist Herbie Fields gehört zu den mitunter mythisch überhöhten Persönlichkeiten der Jazzgeschichte. Ein Grund: Sah man in den 40er Jahren ein weißes Gesicht in einer ansonsten rein schwarzen Swing- oder Rhythm & Blues Band, standen die Chancen gut, dass es sich dabei um Herbie Fields handelte.

Seinen Karrierestart hatte er Ende der 30er Jahre im Raymond Scott Quintette. Es folgten Jahre als Bandleader in Diensten der US-Army und 1944 ersetzte er Earl Bostic in der Big Band von Lionel Hampton. Es war Herbie Fields, der das Klarinettensolo auf Hamps ewigem R&B-Klassiker „Hey! Ba Ba Re Bop“ spielte. Danach arbeitete er fast nur noch als sein eigener Chef und pflegte ein Repertoire zwischen robustem Modern Jazz und Rhythm & Blues. In gewisser Weise sah sich Herbie Fields als Rock & Roll-Pionier und hört man seinen im Mai 1958 veröffentlichten „Honey Bucket Blues“, der auch ebenso gut zehn Jahre früher hätte entstehen können, scheint das nur allzu verständlich.

Wir hören das Sextett in der Besetzung Herbie Fields (Tenorsax), Lon Norman (Posaune), Joe Black (Piano), Bob Varnes (Gitarre), Tony Miazza (Bass) und Frank Root (Drums) plus Gastmusiker Vinnie Tano (Trompete),

Diese Platte blieb die letzte, die zu seinen Lebzeiten herauskam. Im September 1958 setzte Herbie Fields, von zahlreichen Dämonen gejagt, seinem Leben in Miami ein Ende.

 

 

 

Malena – THE BOMBERS

1952 hießen sie „The Four Jacks“, aber als sie sich mit dem Sänger, Produzenten und Schallplattenimpresario John Arcesi (siehe unsere Anmerkungen zu diesem Mann bei Vol. 5) zusammentaten, wurden aus Bowling Mansfield, George Comfort, Cecil Dandy und Ellison White (dem Mann mit der schönen Bass-Stimme) The Bombers. Unter diesem Namen gab es zwei Singles bei Arcesis Label Orpheus Records und schon waren der Name „The Bombers“ wieder Geschichte.

Die „Malena“-Komponisten Art White und Chick Johnson? Lediglich Pseudonyme für… John Arcesi!

BONUS: Ed’s Place – HORACE HELLER

Eigentlich ist „Ed‘s Place“ ein swingendes Instrumentalstück des Gitarristen Hank Garland (1930 – 2004), über das Horace Heller sein kleines Hörspiel veranstaltet. Horace Heller? Das war ein Pseudonym des Texters der Nummer, Danny Dill, der von 1924 bis 2008 lebte und es bis in die Nashville Songwriters Hall of Fame brachte. Seine Kunstfigur „Horace Heller“ verschwand nach dieser Single auf Dollie Records für immer im Orkus der Rock& Roll-Geschichte.

Hank Garland aber hatte an seiner kleinen Komposition so viel Spaß, dass er es auch auf seinem 1960er Album „Velvet Guitar“ spielte, einem reinen Jazzalbum, auf dem Garland, zu jener Zeit der Top-Session-Gitarrist in Nashville, seiner eigentlichen Leidenschaft frönte.

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